Normen-Chaos bei Reithelmen: Sicherheit adé?

Durchblick bei Sicherheitsnormen für Reithelme

Reithelme im Test
Foto: Rädlein

Die neue Sicherheitsnorm für Reithelme lässt weiter auf sich warten. Welcher Kopfschutz ist aktuell überhaupt sicher?

Schön aufgereiht liegen die Helme nebeneinander im Reitsporthandel in den Verkaufsregalen. Neue Farben oder Materialien wie ein Lederüberzug sind in den vergangenen Monaten hinzugekommen. Aber neue Modelle? Fehlanzeige. Kein Wunder, denn vor zweieinhalb Jahren wurde die bestehende Sicherheitsnorm für den Kopfschutz gekippt. Seither verharren die Hersteller in Wartestellung.

Wann tut sich hier was, und vor allem: Was bedeutet das für Reiter, die einen neuen Helm brauchen?

Warum ist die Reithelm-Norm so wichtig?

Verkürzt gesagt: Ohne Norm kein sicherer Helm. Denn Reithelme gehören zur persönlichen Schutzausrüstung (PSA). Solche Produkte benötigen eine CE-Kennzeichnung, damit sie verkauft werden dürfen. Das ist ein Verwaltungskennzeichen; es bestätigt dem Reiter, dass das Produkt den aktuell geltenden Vorschriften entspricht. Diese Vorschriften wiederum sind in den entsprechenden europaweit gültigen Normen (EN) festgehalten. Bei Reithelmen wird etwa verlangt, dass sie einen Sturz aus einer bestimmten Höhe überstehen. Dann erhalten sie das CE-Kennzeichen und der Reiter die Sicherheit, dass ihn der Helm im Falle eines Sturzes wirklich schützt.

Im Umkehrschluss bedeutet das jedoch: Wenn es keine gültige Norm gibt, können Helme auch keine CEKennzeichnung erhalten – und damit dürfen sie nicht verkauft werden.

Heißt das, die aktuellen Helme sind nicht sicher?

Nein, das bedeutet es nicht. Die letzte Norm (EN 1384:2012) wurde zwar Ende 2014 gekippt. Seither können Hersteller aber nicht vogelwild produzieren, denn es gilt eine Übergangsnorm (VG01.40 2014-12, kurz: VG1). Das heißt: Helme, die vor Dezember 2014 produziert wurden, mussten die Vorschriften und Prüfungen nach der Norm EN 1384:2012 erfüllen. Für Helme, die später produziert wurden, galten die Regeln der Übergangsnorm VG1.

Mit der VG1 sind die Regeln für Helme strenger geworden. Vor allem in punkto Sitz, Material und Widerstandsfähigkeit musste nachgebessert werden. Teilweise machten sich die strengeren Vorschriften optisch bemerkbar: Die Helme müssen einige Millimeter dicker mit Kunststoff ausgeschäumt werden. Dadurch wirken sie manchmal wuchtiger.

Welche Folgen hatte die Norm-Abschaffung?

Für Reiter änderte sich auf den ersten Blick nichts. Die Helme namhafter Hersteller sind weiter ein sicherer Kopfschutz. Wegen der verschärften Vorschriften sind sie sogar sicherer als Vorgänger-Modelle.

Anders sieht es bei den Herstellern aus: Sie mussten quasi von heute auf morgen ihre Produktion umstellen, um innerhalb kürzester Zeit die VG1-Norm erfüllen zu können. „Das war ein riesiger Schaden“, sagt Manfred Krauter, Inhaber des Helmherstellers Casco. Neue Modelle entwerfen, entsprechende Werkzeuge herstellen, Helme zertifizieren lassen – das kostete die Hersteller eine Menge Geld. Vermutlich werden diese Zusatzkosten von einigen Herstellern an die Käufer weitergegeben.

Weil die Einführung der neuen Norm seither auf der Stelle tritt, traten Hersteller erst mal auf die Bremse. Denn welche möglichen Anforderungen an Reithelme die neue Norm mit sich bringt, war völlig offen. „Bei dieser Ungewissheit geht kein Hersteller in Vorleistung“, sagt Manfred Krauter. Denn wer weiß, ob die Produktion nicht wenig später erneut teuer umgestellt werden müsste?

Solange das ungeklärt ist, bleibt alles beim Status quo. Neue Helme oder innovative Weiterentwicklungen gibt es seither kaum. Für Reiter bedeutet das: Es sind altbewährte und bekannte Modelle zu haben. Allenfalls kleine Anpassungen wie neue Farben sind drin.

Und wann kommt die neue Norm?

Eigentlich sollte der EN 1384-Nachfolger bereits im vergangenen Jahr abgesegnet sein – Fehlanzeige. Doch es gibt Licht am Ende des Norm-Tunnels, und das hat einen sperrigen Namen: Unter dem Kürzel FprEN 1384:2016 existiert seit Februar 2016 ein Entwurf der neuen Norm. Die EU-Staaten bekundeten bereits mehrheitlich ihre Zustimmung.

Anschließend erhielt der Entwurf den letzten Feinschliff. Veröffentlicht wird er dann vom Europäischen Komitee für Normung (CEN); geplant ist hierfür Mitte April. Wenn das nach Plan läuft, gilt im Anschluss eine gesetzliche Einspruchsfrist bis Ende Oktober – und wenn hier auch alles glatt läuft, könnte die neue Norm zum Jahresende die VG1 ablösen.

Sobald die Norm gilt, müssen neu produzierte Reithelme deren Vorschriften entsprechen. Das hieße, dass die ersten Helme nach der neuen Norm vermutlich ab 2018 erhältlich sein werden – wenn auf der Norm-Zielgeraden nichts dazwischenkommt.

Weiß man schon mehr über die Vorschrift?

Mittlerweile ist einiges über die neue Norm EN 1384:2017 bekannt. „Die neue Norm folgt im Grundsatz den Anforderungen der VG1“, sagt Thomas Dautermann von Helmhersteller Uvex, der auch Mitglied im deutschen (DIN) und im europäischen (CEN) Normenausschuss für Reithelme ist. Wegfallen soll der Stabilitätstest, dafür wird beim Abstreiftest die Fallhöhe heraufgesetzt. Vorteil für die Hersteller: „Wer bereits nach VG1 produziert, muss nichts groß ändern“, sagt Manfred Krauter von Casco. Die Hersteller stehen schon in den Startlöchern und entwickeln ihre neuen Produkte auf Basis des Norm-Entwurfs, damit der Übergang möglichst reibungslos klappt.

Sollte ich mit dem Helmkauf noch warten?

Wenn Ihr Reithelm noch keinen Sturz hinter sich hat, maximal vier Jahre alt ist oder bereits der VG1-Norm entspricht, brauchen Sie nichts zu tun. Dann haben Sie ein sicheres Produkt. Anders sieht es aus, wenn Ihr Helm bereits vier bis fünf Jahre alt ist und womöglich einen Sturz hinter sich hat. In diesen Fällen können sich kleine Risse im Helmmaterial bilden, die im Falle eines Sturzes Ihre Sicherheit beeinträchtigen. Hier sollten Sie nicht auf neue Helme warten, sondern so ein Exemplar besser austauschen.

Worauf sollte ich beim Kauf eines neuen Helms achten?

Das Alter und die Sicherheit – das sind die beiden wichtigsten Punkte. Dafür werfen Sie einen Blick ins Helminnere. Manche Hersteller führen das Produktionsdatum auf – je jünger, desto besser. Ansonsten können Sie sich an den Normen orientieren. Ist der Helm nach VG1 produziert? Gut. Das bedeutet, er wurde zumindest nach Dezember 2014 hergestellt. Weniger empfehlenswert sind Helme, die nur der Norm EN 1384:2012 entsprechen. Die sind nämlich mindestens zweieinhalb Jahre alt; so einen Helm müssten Sie bereits nach eineinhalb bis zweieinhalb Jahren wieder tauschen, weil das Material ermüdet.

Ob ein Helm sicher ist, erkennen Sie am CE-Kennzeichen. Das erhalten nur in der EU zertifizierte Helme. Daneben gibt es weitere internationale Normen und technische Spezifikationen, die sicheres Equipment garantieren. Dazu zählen etwa ASTM F1163 (USA), PAS015 (Großbritannien) oder SNELL E2001 (international). Helme, die diese Labels tragen, sind zertifiziert und sicher. Der Blick ins Kleingedruckte lohnt sich also.