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„Zum ersten Mal gab ich ein Pferd auf“ - Interview mit Wolfgang Marlie

Wolfgang Marlie, 68, ist Reitlehrer FN und betreibt im schleswig-holsteinischen Scharbeutz an der Ostsee die Reiterpension Marlie. Er ist spezialisiert auf den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Pferd und Mensch.

Welches Ihrer Pferde war am ­schwierigsten?
Eines, das gar nicht meines war: Wildfang gehört einer alten Freundin, die ihn vor mehr als 20 Jahren im Urlaub mit zu uns brachte. Damals lernte ich einen freundlichen, vertrauensvollen vierjährigen Westfalen-Wallach kennen. Zu Hause kam er dann zu einem erfahrenen Ausbilder. Weil sich das Pferd bei ihm widersetzlich und ungezogen zeigte, meinte er, es müsse mehr gefordert und härter diszipliniert werden. Wildfang lernte Beißen, Buckeln, Scheuen, Steigen und Treten. Auf der Weide attackierte er andere Pferde. Schließlich begann er, mitten im Galopp, auf gerader Strecke unter dem Reiter hinzufallen. Seine Besitzerin landete mit Schädel-Hirn-Trauma im Krankenhaus. Der Ausbilder, der ihn schlug, gab auf. Und der Stallbesitzer weigerte sich, so ein Monster weiter zu beherbergen. In letzter Not gaben wir Wildfang Asyl.

Was machten Sie mit dem Pferde?
Zunächst war viel gewonnen, wenn ich mir Wildfang vom Leib halten konnte. Ich beeindruckte ihn mit der Longierpeitsche, an deren Spitze ein Bauzaunband knisterte. Behutsam verringerte ich die Distanz, bis ich ihn berühren konnte. Aber es blieb dramatisch. Er reagierte allergisch auf alle herkömmlichen Maßnahmen. Fünfmal bin ich mit ihm gestürzt. Dann fürchtete ich um mein Leben. Schweren Herzens teilte ich seiner Besitzerin mit, dass ich nicht mehr daran glaubte, aus Wildfang ein zuverlässiges Reitpferd machen zu können. Zum ersten Mal gab ich ein Pferd auf.

Ich wusste aber, wie sehr die Familie an ihm hing, und bot an, ihn mit all seinen Macken auf dem Hof zu behalten. Unter einer Bedingung: wirklich nichts mehr von ihm zu erwarten. In dem Moment kam der Durchbruch. Dabei hatte ich lediglich den Schalter im Kopf umgelegt: Nicht Effizienz, sondern Zuneigung bestimmte jetzt meinen Blickwinkel. Statt Symptome zu bekämpfen und ihm Leistungen abzuverlangen, erkannte ich seine Not: Wildfang hatte nicht gegen mich, sondern für sich kämpfen gelernt. Ohne jeden Vorsatz ließ ich ihn freilaufen und beobachtete, wie er auf mich reagierte. Dabei entdeckte ich Dinge, auf die ich zuvor gar nicht geachtet hatte.

Ich experimentierte auch im Sattel. Wenn er nicht weitergehen wolle, zwang ich ihn nicht, sondern wartete, bis er von selbst auf die Idee kam, sich wieder zu bewegen. Früher hatte ich versucht, meine Anweisungen durchzusetzen. Ich glaubte ja zu wissen, was für ihn angemessen sei. Nun holte ich seine Meinung ein und fragte freundlich, ob er bereit wäre, mitzukommen. Als ich meinen Ehrgeiz fallen ließ, begann unser Dialog. Daraus erwuchs Vertrauen und Sicherheit.

Was wurde aus dem Pferd?
Wildfang ist heute der freundliche, anhängliche Seniorchef unserer 15köpfigen Herde. Unsere Gäste mögen ihn sehr. Wildfang brachte mir bei, dass jedes Pferd lernwillig, unternehmungsluustig und harmoniebedürftig ist, wenn er die Chance bekommt, dies auch auszuleben.

Gab es Situationen, in denen Sie Angst hatten?
Vor Wildfang habe ich mich in meiner langjährigen Profilaufbahn am meisten gefürchtet. Deshalb verdanke ich ihm die wichtigste Erkenntnis meines Reiterlebens: Es gibt keine schwierigen Pferde, nur Pferde in Schwierigkeiten. Zuneigung ist der Schlüssel, warmherzige, liebevolle Kommunikation der Weg. Wir nennen das „Reiten wie von Zauberhand bewegt“.


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