Pauschen am Sattel

Standpunkt: Weg mit den Pauschen!

Pferde Pauschen reiten
Foto: Rädlein

Dicke Sattelpauschen sind bei guten Reitern verpönt – und trotzdem weit verbreitet. Dabei verderben sie den Reitersitz und sorgen beim Pferd für Rückenschmerzen. Ein Standpunkt von Ausbilder Knut Krüger.

Harmonisch mit seinem Pferd zu verschmelzen und das Tier mit leichtesten, unsichtbaren Hilfen zu lenken – davon träumt wohl jeder Reiter. Und im Prinzip kann jeder Reiter seine Hilfen und seinen Sitz stetig verbessern, um diesem Ziel immer näher zu kommen. Zumindest jeder, der nicht daran gehindert wird. Doch genau das passiert heute viel zu vielen Reitern. Nämlich all jenen, denen die massiven Oberschenkelpauschen an ihren Sätteln einen wulstigen Strich durch die Rechnung machen.
Die Sattelkammern hängen heute voll mit Sätteln, die dicke Formkissen an den Sattelblättern tragen. Das war nicht immer so. Bis in die Mitte der 1980er-Jahre wiesen Dressursättel üblicherweise nur minimale, etwa zwei Zentimeter hohe Pauschen auf. Sie waren der Form des Knies angepasst und beeinflussten den Sitz in keiner Weise. Erst seit Ende der 80er-Jahre tauchen zunehmend dicke Pauschen an Dressursätteln auf. Während meiner Ausbildungszeit an der Westfälischen Reit- und Fahrschule in Münster sah ich solche Sättel erstmals im Jahr 1984 oder 1985 bei Teilnehmerinnen der Meisterprüfungen. Ihr Sitz wirkte perfekt gestreckt, war aber doch auf den zweiten Blick unharmonisch. Genau das passiert jedem, dessen Beine von dicken Pauschen in eine optisch schöne, aber starre Form gepresst werden.

Pauschen sind wie Stützräder am Fahrrad

Sättel sollen jedoch in erster Linie einen korrekten, ausbalancierten Sitz des Reiters ermöglichen. Schon Altmeister Gustav Steinbrecht forderte, dass ein Sattel zulassen muss, dass der Reiter seinen Sitz an die Haltung des Pferds anpassen kann. Denn: „Der ausbalancierte und losgelassene Sitz ist Voraussetzung für korrekte Hilfengebung und Einwirkung auf das Pferd.“ Das wissen Reiter und Trainer eigentlich. Wer es vergessen hat: Der Satz stammt aus dem ersten Band der Richtlinien für Reiten und Fahren, herausgegeben von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Er gilt somit für alle Reiter und Trainer in FN-angeschlossenen Vereinen und Reitställen.

Es ist also gerade nicht im Sinne einer guten Reiterei, sich im Sattel festzuklammern. Und doch sind Pauschen genau dazu da. Sie sollen – so werben Sattelhersteller ganz offensiv – Reitern Sicherheit und Halt bieten. Diese Sicherheit ist so trügerisch wie Stützräder am Fahrrad. Jedes Kind weiß: Radfahren lernt man nur, wenn die Hilfsräder irgendwann abgeschraubt werden. Die ersten Fahrten danach sind zwar wackelig, aber ohne diesen Schritt findet niemand wirklich die Balance auf seinem Drahtesel.

Große Pauschen sind etwas Ähnliches wie Stützräder für Reiter. Wer sich traut, ohne Pauschen zu reiten, wird erst einmal wackeln, rutschen und sich unsicher fühlen. Doch danach findet er die Balance, die er braucht, um künftig wirklich sicher und souverän im Sattel zu sitzen. Vielen Reitern ist dieser Zusammenhang aber nicht so bewusst wie bei den Stützrädern am Fahrrad.

Schmerzen beim Pferd durch Pauschen

Foto: Rädlein
Damit Pauschen dem Reiter Halt geben, muss er die Knie hochziehen. So schiebt er den Vorderzwiesel des Sattels nach vorne-oben. Der Hinterzwiesel wird nach hinten-unten gedrückt. Außerdem gerät der Reiter durch die hochgezogenen Knie aus der Balance gerät und verlagert seinen Schwerpunkt nach hinten. All das führt zu starkem Druck in der hinteren Sattellage, die Pferde bekommen Rückenschmerzen.

Nun könnte man sagen: „Ist doch egal ob mit oder ohne Pauschen, Hauptsache der Reiter fühlt sich wohl.“ Doch leider behindern dicke Pauschen und der daraus folgende Sitz Losgelassenheit und Mitarbeit des Pferds enorm. Auf der Suche nach Halt ziehen Reiter ihre Knie hoch in die Pauschen. In dieser Verfassung kann der Reiter dem Pferderücken nicht mehr geschmeidig folgen. Das stört das Pferd in seinen Bewegungen und macht korrekte Hilfen unmöglich.

Bleibt ein Reiter dem Pauschensattel treu, werden die Probleme immer größer. Weil das Pferd sich unter seinem Reiter nie wirklich losgelassen bewegen kann, dauert seine Ausbildung länger und sein volles Bewegungspotenzial wird nicht erreicht. Mit der Zeit wird es sogar unumgänglich, auf solch einem Pferd einen Sattel mit großen Pauschen zu benutzen. Denn aufgrund der mangelnden Losgelassenheit ist es beispielsweise in Trabverstärkungen unmöglich, ganz ohne oder mit nur zwei Zentimeter flachen Pauschen auf solch einem Pferd zu sitzen.

Das ist schon schlecht genug, aber noch längst nicht alles. Pauschen sorgen auch für Schmerzen bei Pferd und Reiter. Was der Pauschenmissbrauch für den Pferderücken bedeutet, können Sie selbst mal mit Ihrem gesattelten Pferd ausprobieren.

Legen Sie Ihre Finger dort an die Pausche, wo das Knie liegt, und ziehen nach vorne. So wirkt auch das Knie, wenn es in der Pausche klemmt. Was passiert mit dem Hinterzwiesel? Er wird in Richtung Pferderücken gedrückt. Diese Bewegung wird natürlich viel stärker, wenn zwei Knie die Pauschen vorschieben und das Reitergewicht derweil nach hinten verrutscht. Die Folge fürs Pferd sind Rückenschmerzen, Verspannungen und im schlimmsten Fall Lahmheiten.

Gesundheitliche Probleme beim Reiter

Auch der Reiterkörper leidet in einem Pauschensattel. Das erlebte ich vor einigen Jahren am eigenen Leib. Eine Reitschülerin bat mich, ihr Pferd einige Tage zu reiten. Sie selbst hatte große Schmerzen in der Hüfte und musste deswegen ins Krankenhaus. Nach dem Test-Ritt ging es mir wie meiner Reitschülerin: Ich bekam Schmerzen in meinen Hüftgelenken. Kaum war ein neuer Sattel mit kleineren Pauschen gekauft, waren auch die Schmerzen der Schülerin verschwunden.

Die Wirbelsäule wird ebenfalls belastet. Becken und Rücken sollte ein Reiter auch im Sattel so halten, als würde er stehen. In Sätteln mit großen Pauschen kann man jedoch das Becken nach hinten kippen lassen, ohne selber nach hinten zu fallen. Die Wirbelsäule wird dadurch stark belastet, was zu größten Schäden führen kann. Außerdem gibt der Reiter in dieser Haltung völlig unklare Signale, die das Pferd lernt zu ignorieren. Feine Kreuzhilfen werden unmöglich.

Besser reiten ohne Pauschen

Foto: Rädlein
Flache Pausche: Das Bein ist gut gestreckt, das Knie klemmt nicht.

Wer sich von seinen Pauschen trennt, kann in ungeahnte reiterliche Dimensionen vorstoßen. Das berichtet beispielsweise eine Reitschülerin, nachdem ich sie überzeugen konnte, die Pausen an ihrem Sattel entfernen zu lassen: „In der ersten Woche rutschten meine Beine immer nach vorne. In der dritten Woche konnte ich mein Pferd allerdings erstmals allein über eine Sitzhilfe durchparieren – das ging niemals zuvor.“

Dass dennoch so viele Pferde mit pauschenbewehrten Sätteln augenscheinlich gut gehen, liegt an ihrer hohen Grundqualität. Fest steht allerdings: Viele Pferde könnten sich unter einem pauschenfreien Sattel und mit balanciertem Reiter noch schöner bewegen.

Das erkannte schon der Ausbilder meiner Bereiter-Lehrzeit, der ehemalige Kavallerie-Major und damalige Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule Paul Stecken. Zum Argument, dass viele Pferde doch mit Pauschensätteln großartig gingen, meinte er nur: „Nicht deswegen, sondern trotzdem!“

Sind Pauschen eine Modeerscheinung?

Tröstlich ist allein die Hoffnung, dass diese Mode im Reitsport ihren Scheitelpunkt schon überschritten haben und bald zu Ende gehen könnte. Das ist durchaus möglich, denn dasselbe ist in der Vergangenheit bereits passiert. Dicke Pauschen sind nämlich alles andere als eine echte Neuerfindung.

Dass die Sättel des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts weitgehend pauschenfrei waren, kam ebenso per Modewelle über die Reiterwelt wie die Rückkehr der dicken Kissen am Ende des 20. Jahrhunderts. Der in England geborene und in Frankreich lehrende Ausbilder James Fillis schrieb 1892, dass er glaubte, er sei „der Erste gewesen [...], der einen Sattel ohne Pauschen zur Dressur und zur Hohen Schule gebraucht hat“. Dieses Zitat belegt, dass damals Sättel mit großen, den Reiter fixierenden Pauschen üblich waren.

Ich kann nur jedem Reiter raten, dem Beispiel von Altmeister Fillis zu folgen und dicke Pauschen vom Sattler entfernen zu lassen. Wo das nicht möglich ist, bleibt nur ein Tipp: Solche Sättel verkaufen, solange es für Sitzprothesen noch Abnehmer gibt. Ich hoffe für Pferde und Reiter, dass das nicht mehr allzu lange so sein wird.

Der Experte

Knut Krüger lernte Bereiter bei Major a.D. Paul Stecken, einer der letzten deutschen Kavalleristen. Dessen Prinzipien sind Grundlage für Krügers Arbeit als mobiler Reitlehrer und Kursleiter in ganz Deutschland. www.knut-krueger.de