Brandschutz im Stall

So brandgefährlich sind Ställe

CAVALLO Brandschutz im Stall
Foto: Lisa Rädlein

Feuer im Stall ist lebensbedrohlich für unsere Pferde. Wo lauern Gefahren, und wie lässt sich das Risiko senken? Unterwegs mit einem Brandexperten.

Es sind Bilder eines Infernos: Meterhoch schlagen die Flammen aus dem Stalldach, züngeln aus den Fenstern, fressen sich durchs Holz. Die 250 Einsatzkräfte können nur verhindern, dass sich die Flammen auf weitere Gebäude ausbreiten; Stall und Reithalle brennen jedoch ab. Fünf Pferde überleben das Feuer nicht, drei weitere werden teils schwer verletzt.

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Zwei Test-Ställe rund um Stuttgart

Feuer im Stall, Pferde, die womöglich nicht mehr gerettet werden können – was Ende Februar auf dem Erlenhof der Familie Rothenberger bei Frankfurt passierte, ist der Albtraum jedes Stall- und Pferdebesitzers. Nach so einem Ereignis fragt man sich unweigerlich: Wie groß ist eigentlich das Feuer-Risiko in meinem Stall?

Die Antwort: Ziemlich hoch. Denn Ställe bieten beste Voraussetzungen: Heu, Stroh, Holz, Frischluft – alles das, was Flammen gern mögen. „Fast jeder Stall ist brandgefährdet“, weiß Dr. Christoph Peterbauer. Der österreichische Tierarzt ist Gründer der Animal Rescue Academy, die auf Großtierrettung spezialisiert ist und Einsatzkräfte in Österreich eigens dafür ausbildet. Er sagt: „Ställe und landwirtschaftliche Gebäude gehören laut Statistik zu den Gruppen, in denen am häufigsten Brände auftreten.“

Keine gute Statistik. Aber Statistik hin, Zahlen her : Wie sieht es konkret in Ställen aus? Um das herauszufinden, wenden wir uns an Lutz Hauch. Der ehemalige Berufsfeuerwehrmann und zertifizierte Großtierretter aus der Nähe von Aachen hat ein Auge für potenzielle Brandgefahren. Gemeinsam mit ihm besuchen wir zwei Ställe in der Region um Stuttgart und wollen wissen: Wo lauern hier Schwachstellen – und was lässt sich tun, um das Brandrisiko zu senken?

Fast vorbildlicher Brandschutz

Der erste Stall, den wir besuchen, besteht aus drei Gebäuden: einem Aktivstall mit Liegehalle und Auslauf für knapp 30 Pferde, einem kleineren Trakt mit Innen- und Außenbereich für Seniorenpferde und einem separat stehenden Offenstall mit Zugang zu Koppeln für die etwa achtköpfige Wallachgruppe. Das Erste, was Lutz Hauch auffällt: „Die Anlage ist schön weitläufig. Reithalle, Ställe und die Halle mit Maschinen und Strohlager sind voneinander getrennt.“ Brennt ein Gebäude, greift das Feuer nicht so schnell auf weitere über.

Ebenfalls gut: Heu und Stroh sind separat von den Stallungen untergebracht. Denn hier besteht prinzipiell ein erhöhtes Brandrisiko; etwa weil sich das Heu nach der Ernte selbst entzünden kann oder weil sich Brandstifter daran zu schaffen machen. „Ein paar Ballen habe ich allerdings im Stalltrakt“, räumt der Stallbesitzer ein. Aus gutem Grund: Sollte das Lager abbrennen, hat er für ein paar Tage noch Futter für seine Tiere.

Überhaupt ist er selbst ein gebranntes Kind: Als Zehnjähriger musste er zusehen, wie der elterliche Hof abbrannte; das prägte ihn. „Wann immer ich Rauch rieche, muss ich sofort nachsehen, wo das herkommt.“ Diese Erfahrung merkt man dem Stall an, findet Brandexperte Hauch: Hier herrscht striktes Rauchverbot. Acht Feuerlöscher sind gleichmäßig übers Gelände verteilt. Allerdings mit einem kleinen Manko: „Wann wurden die zuletzt gewartet?“, fragt Hauch. Das ist schon ein paar Jahre her, meint der Stallchef. „Feuerlöscher sollten alle zwei Jahre gewartet werden. Es bringt nichts, wenn man Löscher hat, die aber im Ernstfall nicht funktionieren“,mahnt der ehemalige Feuerwehrmann. Hängen die Geräte im Freien, müssen sie zudem frostsicher sein.

Zisternen mit Löschwasseranschluss

Vorbildlich sind die zwei Zisternen auf dem Hofgelände mit insgesamt 100 Kubikmeter Fassungsvermögen. Eine davon besitzt einen Löschwasseranschluss – ideal für die Feuerwehr. Die war auch schon zur Großübung auf dem Hof. Top, findet Hauch: „Kennt die örtliche Feuerwehr den Stall, findet sie sich im Brandfall schneller zurecht.“

Ebenfalls positiv: Alle Stallgebäude besitzen jeweils zwei Ausgänge. So lassen sich die Tiere gut evakuieren. Aber wenn’s brennt, verlassen die Pferde dann nicht ohnehin freiwillig die Liegehalle? „Darauf würde ich mich nicht verlassen“, meint Hauch. Gut möglich, dass Pferde in Panik lieber im geschützten Raum bleiben – ob das nun Liegehalle oder Box ist. Dann brauchen die Retter Halfter, die im Aktivstall allesamt aufgereiht an einer Stelle hängen.

„Im Notfall hat man die sofort griffbereit“, lobt Lutz Hauch. Evakuieren könnte man die Pferde direkt auf umliegende Weiden. „Es ist immer wichtig zu wissen: Wo bringe ich die Pferde hin? Im Idealfall sind das solche Weiden wie hier, die sich nah genug am Stallgebäude befinden und so groß sind, dass es keine Rangeleien gibt.“

Schwachpunkt Elektrik beim Brandschutz

Klingt alles sehr gut. Finden wir trotzdem ein paar Schwachstellen? Ja, tun wir – und sie haben fast alle mit Kabeln zu tun. Auf einem Balken etwa finden wir eine Verlängerungsleiste, daneben ein aufgedrehtes Kabel. „Fließt dadurch Strom, entsteht Wärme. Das kann zum Brand führen“, erklärt Lutz Hauch. Auch die Steckdosenleiste kann brandgefährlich werden, etwa wenn das Kabel von Nagetieren angeknabbert wird – zack, hat man den Kurzschluss. Dazu kommen Staub und Spinnweben. „Das kann anfangen zu knistern, dabei entstehen Funken“, so Hauch.

Das nächste Kabel liegt am Boden. Nicht nur eine Stolperfalle, sondern lebensgefährlich, erklärt der Feuerwehrmann: „Abgelaufene Hufeisen können scharf sein. Tritt das Pferd damit aufs Kabel, kann es einen Kurzschluss geben; im schlimmsten Fall stirbt das Pferd an einem Stromschlag.“ An einer weiteren Verlängerungsschnur hängen mehrere Wasserkocher. Schalten sie wegen eines Defekts nicht ab, beginnen sie zu schmoren.

Generell gilt die Elektrik in Form von Kurzschlüssen oder defekten Geräten als die größte Gefahr. Rund ein Drittel, und damit der Löwenanteil der Brände, ist auf Elektrizität zurückzuführen, so die Brandursachen-Statistik des Instituts für Schadenverhütung und Schadenforschung. Ein Brand durch Blitzschlag ist hingegen äußerst selten. Trotzdem fällt Lutz Hauch auf: „Eine Blitzschutzanlage fehlt.“ Ob ein Stall eine solche haben muss, ist in der jeweiligen Landesbauordnung festgeschrieben – und die unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. Auch ohne Blitzableiter stellt Lutz Hauch dem ersten Stall ein gutes Zeugnis aus: „Hier wurde vieles bedacht und vorgesorgt.“ Wie das wohl im nächsten Stall aussieht?

Traktor zwischen Heuballen - ein Risiko

Dort stehen die Pferde täglich von morgens bis abends auf Ausläufen und Weiden. Nachts sind sie in Boxen untergebracht, die meisten mit Paddocks. Die Boxen gruppieren sich in zwei länglichen Stallgebäuden und einigen Anbauten Marke Eigenbau. Für hoffremde Besucher wirkt das Gelände unübersichtlich. „Bei allen und besonders bei solchen Ställen empfiehlt sich ein Evakuierungsplan. Zusätzlich sollte man die Ausgänge fachgerecht mit Fluchtauswegschildern markieren“, rät Hauch. So können sich Helfer wie Feuerwehr & Co. schnell orientieren.

Von Vorteil ist, dass die großen Stalltrakte zwei Ausgänge haben, von denen jeweils einer direkt auf große Ausläufe führt – so sind die Pferde bei Feuer schnell in gesichertem Raum evakuiert. „Wenn sich die Paddocks noch öffnen ließen, könnte man die Pferde von zwei Seiten aus ihren Boxen holen“, merkt Hauch an. An einer Stelle gibt’s zudem einen Engpass: Hier ist die Stallgasse nur 1,50 Meter breit. Mit einem panischen Pferd wird das zu einer engen Kiste. Empfohlen werden zwei Meter Breite. „Lassen sich enge Durchgänge nicht vermeiden, sollte man darauf achten, dass sie nicht noch zusätzlich vollgestellt sind“, sagt Hauch. Die an der Wand lehnende Mistgabel muss also an einen anderen Platz.

Stroh und Heu grenzen direkt an die Stallungen. Zwischen den Ballen parken Radlader und Traktor. Ein Risiko, weiß Hauch. „Ist beispielsweise der Katalysator heiß und das Fahrzeug parkt über ein paar Strohhalmen, können sich die entzünden.“ Auch der Werkstattbereich des Hofs ist direkt neben dem Raufutterlager. Riskant, wenn Funken fliegen: Die kommen bis zu zehn Meter weit. „Daher liegt immer ein Wasserschlauch parat, wenn ich arbeite“, so der Stallchef. Das ist ratsam: Denn menschliches Fehlverhalten und feuergefährliche Arbeiten sind zusammen die Ursache von rund einem Viertel der Brände.

Auf Schutz vor Mäuseverbiss achten

Der Stallchef hat zudem im vergangenen Jahr die Elektrik modernisieren lassen und Leuchtstoffröhren durch LEDs ersetzt. „Das ist gut, die werden nicht so heiß“, lobt Hauch. Die Elektrokabel sind zwar neu verlegt, aber es sind „Freileitungen“. Heißt: Es fehlen Kunststoff- oder, noch besser, Metall-Ummantelungen, die die Kabel vor Mäuseverbiss schützen.

Apropos Schutz: Wie sieht es mit Rauchmeldern in Ställen aus? „Rauchmelder funktionieren über einen Sensor. Der setzt sich bei Staub, der in Ställen nun mal vorkommt, schnell zu“, so Hauch. Dann geht entweder ein Fehlalarm los oder der Rauchmelder versagt, wenn’s drauf ankommt. Spezielle Outdoorgeräte gibt es, die sind aber teuer.

Teuer wäre auch der Beitrag für die Versicherung, wollte man Stall inklusive Pferde und deren Equipment versichern. „So einen hohen Beitrag wollen oder können die meisten Stallbesitzer nach meiner Erfahrung nicht bezahlen“, sagt Hauch. Selbst wenn man das tut: Findet die Versicherung nach dem Brand heraus, dass die Ursache etwa menschliches Fehlverhalten war oder Elektroleitungen, die nicht regelkonform verlegt wurden, zahlt sie mitunter nichts oder nur einen Teil. Auf dem Schaden bleibt der Stallbetreiber sitzen.