Selbstversuch: Leben in einer Pferde-Herde

4 Tage unter halbwilden Pferden

Selbstversuch: Leben in einer Pferde-Herde
Foto: Rädlein

Pferdetrainer Stefan Valentin lebt tagelang in einer halbwilden Pferdeherde. Wie es ihm dabei geht und was er Neues über Pferde lernt.

Neugierige Fohlen, tiefentspannte Pferde, fliegende Hufe, schleichende Füchse und einsame Vollmondnächte: Die Natur zaubert Stefan Valentin im Juni 2017 für vier Tage und drei Nächte in eine andere Welt.

Die Idee: Ein Selbstversuch, bei dem der Pferdetrainer und Tierpsychologe (www.steva-saar.de) inmitten einer halbwilden Pferdeherde leben möchte.

Die Voraussetzung: trockenes Sommerwetter und Vollmond, um die Tiere auch nachts beobachten zu können.

Valentins Ziel: Sich noch besser in die Welt der Pferde versetzen zu können und seine eigene Robustheit zu testen.

Der Ort: Ein saarländisches Andalusier-Gestüt, wo Pferde halbwild in kleinen Gruppen leben (www.smirr.de).

Das Equipment: Hängematte, eine Plane, Schnüre, Messer, eine Warnweste für die Nacht (falls Jäger unterwegs sind), Handtuch, Seife und Notizbuch.

Der Ernährungsplan: Wildfrüchte und Kräuter aus der Natur, um keine Wildschweine anzulocken. Ein Kräuterbuch soll Valentin bei der Nahrungssuche helfen.

CAVALLO hat in sein Tagebuch gespickt.

Tag 1: Der Hengst sucht Kontakt

Aufgeregt betrete ich die Weide. Sie ist zirka 15 Hektar groß, hügelig, hat viele Bäume sowie Sträucher und wird von zwei Bächen durchlaufen. Ich suche mir einen Lagerplatz und halte Ausschau nach den Pferden. Es dauert eine Weile, bis ich sie gefunden habe. Vorsichtig nähere ich mich. Jalsero – der Herdenchef – traut sich an mich heran. Prüfend. Der Hengst hatte bereits Menschenkontakt, ist sogar schon angeritten. Und er wird später noch ein wichtiger Halt für mich sein.

Jalsero lebt im natürlichen Familienverband mit sechs Stuten, vier Fohlen und einer Jährlingsstute. Zwei der Stuten sind derzeit tragend. Menschen sind für die Halbwilden mehr oder weniger fremde Wesen.

Ich beobachte die Herde aus geringer Entfernung. Zwei Stuten wiehern warnend nach ihren schlafenden Fohlen; die springen sofort auf und suchen Schutz bei den Müttern. Dann grast die Herde in Ruhe weiter. Eine der Stuten wiehert zwei Mal – und die Herde wandert zu einem anderen Weideabschnitt.

Auch ich bekomme Appetit: Mit Hilfe meines Kräuterbuchs spüre ich Sauerampfer, Taubnessel, Spitzwegerich, Margeritenblüten und Waldbeeren auf. Das dauert eine ganze Weile, so dass ich kaum mitbekomme, dass es schon langsam dunkel wird. Die Pferde grasen weiter.

Sie haben einen großen Vorteil: Während ich trotz Vollmond kaum noch die eigene Hand vor den Augen erkenne, können sie gemütlich weiter futtern. Ich lege mich lieber schlafen.

Tag 2: Die Ruhe der Herde färbt ab

Ich werde geweckt vom Hufgetrappel der spielenden Fohlen. Von meiner Hängematte aus genieße ich es, den Fohlen zuzusehen, während die erwachsenen Pferde ruhig grasen. Ich stehe auf und suche mein Frühstück zusammen: Vogelwicke, Knoblauchrauke, Wiesenbärenklau und Brennnesseln. Als ich satt bin, begebe ich mich erneut auf meinen Beobachtungsposten mitten auf der Weide.

Die Tiere verbringen den Vormittag mit einer friedlichen Mischung aus Dösen und Grasen. Bringt sie denn gar nichts aus der Ruhe? Immerhin grenzt ein Drittel der Weide an eine Landstraße, auf der ständig Lkw und Autos vorbeilärmen. Um die Mittagszeit döst die Herde zirka zwei Stunden lang direkt neben der Straße. Bewundernswert, die Gelassenheit der Pferde.

Ich werde zunehmend ruhiger. Allmählich färbt die gelassene Grundstimmung der Pferde auf mich ab. Möglich, dass meine entspannte Haltung dazu beiträgt, dass die Fohlen mutiger werden. Neugierig nähern sie sich. Ich bleibe passiv, versuche erst gar nicht, sie anzufassen.

Nachmittags zieht ein kurzes Gewitter auf. Die Pferde ziehen sich zurück unter die Bäume. Ich krabbele unter die Plane über meiner Hängematte. Als die Sonne wieder scheint, schaue ich zur Herde hinüber. Plötzlich macht eine Stute einen Satz, die Fohlen springen auf und schon jagt die Herde ein paar Meter weiter.

Jalsero erkundet die Schreckstelle kurz darauf mit einer Stute. Minutenlang beobachten die beiden Pferde die Gegend. Fehlalarm! Es wird entspannt weitergefuttert.

Nach 24 Stunden in der Herde fühle ich mich total entschleunigt. Es gibt auch nicht viel zu tun – außer Beobachten und Essen. Ich ertappe mich immer wieder dabei, auf die Uhr schauen zu wollen. Kaffee, das wäre jetzt was! Meine Pferdefreunde sind definitiv besser angepasst als ich: Sie finden ihr gewohntes Futter genauso mühelos wie schattige Plätze. Sie trotzen dem Regen, wehren sich gegenseitig Fliegen ab. Dort, wo die Wiese flacher ist, laufen Vögel vor ihnen her. Ich vermute, sie fressen Insekten, welche die Pferde im Gras aufschrecken. Das nennt man dann wohl Zweckgemeinschaft.

Gegen Abend trauen sich die Fohlen an mich heran – und schlabbern mich ab. Hebe ich die Hand, weichen sie zurück. Als es dämmert, sitze ich immer noch tiefenentspannt auf der Weide. Ein Fuchs streift durch das Gras, keine 20 Meter von mir entfernt. Keines der Pferde reagiert. Sie scheinen das Raubtier zu kennen. Ich nutze das sanfte Licht des Vollmonds, um die Herde noch bis drei Uhr nachts zu beobachten. Sie behält ihren ruhigen Rhythmus aus Schlafen, Dösen, Fressen.

Tag 3: Wer hat hier das Sagen?

Ein Wiehern weckt mich. War das eine Aufforderung? Bis jetzt kann ich noch keine Rangordnung zwischen den Stuten ausmachen. Mal droht die eine, mal die andere Stute. Insgesamt wirkt alles aber sehr harmonisch. Die Gruppe ist klein, hat weder Futter- noch Wassermangel. Möglich, dass alleine schon deshalb kein großer Streit aufkommt.

Als es im Laufe des Vormittags heiß wird, zieht die Herde in den Schatten. Langsam schlendere ich hinüber – und gewinne das Gefühl, ein Teil der Herde zu werden. Denn: Keines der Pferde bewegt sich mehr, als ich mich nähere, der Nachwuchs bleibt sogar liegen.

Allerdings nicht lange. Vorwitzig schnappen die Fohlen nach meiner Mütze. Die Tiere beschnuppern und beknabbern mich – ich muss mich fast wehren. Anfassen darf ich jedoch nur die Jährlingsstute, die wie Jalsero bereits intensiveren Menschenkontakt hatte.

Nachmittags wird die Herde unruhig. Die Pferde stampfen auf den Boden, um lästige Fliegen und Bremsen loszuwerden. Die Herde wechselt zu einem schattigeren Platz. Nach etwa drei Stunden grasen die Pferde in der Sonne, aber nur kurz. Schon zehn Minuten später stehen alle wieder im Schatten.

Eine Beobachtung verwundert mich: Manchmal lassen die Stuten ihre Fohlen nicht ans Euter. Wann die Kleinen wieder trinken dürfen, signalisieren sie durch Wiehern. Vermutlich sind die Euter dann zu prall.

Wieder färbt die Stimmung der Herde auf mich ab. Ich werde unruhig, vermisse meine Familie. Aus der Psychologie des Überlebens weiß ich, dass der dritte Tag in Isolation der schlimmste ist. Gut, dass Jalsero da ist. Ich kraule ihn ausgiebig, beruhige mich. Und ich meine nun, die Leitstute zu erkennen: Eine der Schimmelstuten läuft durch die Herde, die anderen Stuten und Fohlen weichen.

Tag 4: Zum Schluss wird galoppiert

Heute werde ich bereits um 4.40 Uhr geweckt - wieder von den trappelnden Hufen der spielenden Fohlen. Die Herde durchstreift grasend die Gegend – bis zu dem Platz, wo morgens die Sonne als erstes scheint. Die Tiere bewegen sich nicht gleichmäßig fort. Erst zirka eine Stunde nach Sonnenaufgang ist auch die letzte Stute dort angekommen.

Am letzten Tag habe ich mich in den Rhythmus der Herde eingefühlt. Doch immer noch staune ich, wie flott die Fohlen bei einer brenzligen Situation auf die Beine kommen – etwa wenn Jalsero eine Stute jagt. Am letzten Tag des Experiments sind die Pferde zum ersten Mal schneller unterwegs: Genervt von den Bremsen galoppiert die Leitstute zu einem Schattenplatz; der Hengst und der Rest der Herde hinterher. Es ist das erste Mal, dass ich die Pferde länger galoppieren sehe. Und es ist Zeit, sie zu verlassen.

Erste Erkenntnisse des Experiments: Die vier Tage mit den halbwilden Pferden bestätigen theoretisches Wissen in der Praxis: Der Hengst fungiert als Aufpasser; die Leitstute entscheidet, wo geweidet wird. Überraschend schwierig ist es, die Rangfolge herauszufinden, wenn genügend Futter und Wasser vorhanden sind. Und ich habe etwas über mich gelernt: Ich sollte die Gelassenheit der Pferde übernehmen.

Ein Hengstfohlen aus der Herde werde ich übrigens im Auge behalten: Das könnte ein Pferd für mich sein.