Was ist Working Equitation?

Doppelweltmeisterin Mirjam Wittmann im CAVALLO-Portrait

CAVALLO Was Worker so treiben - Mirjam Wittmann
Foto: Lisa Rädlein

Mirjam Wittmann ist Doppelweltmeisterin der Working Equitation. Was ist das? Und worum geht es dabei? CAVALLO ist hautnah dabei.

Als CAVALLO-Autorin macht man sich nicht zum Affen – zum Rind schon eher. Normalerweise habe ich Stift und Notizbuch in der Hand; jetzt aber renne ich durch eine Reithalle und schlage Haken. Dicht auf meinen Fersen: der dunkelbraune Wallach Dorado und seine Reiterin.

Willkommen beim „People Cutting“ mit der amtierenden Doppelweltmeisterin der Working Equitation, Mirjam Wittmann!

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Working-Pferd mit Vorgeschichte

Nach wenigen Minuten geht mir die Puste aus. Während ich mich erhole, haben Mirjam Wittmann und Dorado noch Power für fliegende Galoppwechsel um drei Tonnen und einen Sprint auf eine Holzbrücke. Der 12-jährige PRE-Wallach steht fein an den Hilfen, ist spritzig und wendig – ideale Voraussetzungen für ein Working Equitation-Pferd. „Vielleicht wird aus ihm auch mal ein Weltmeister, vielleicht aber auch nicht“, sagt seine erfolgreiche Reiterin.

Mehrere Platzierungen auf Working-Equitation-Turnieren der Klassen M und S hat Dorado jedenfalls schon in der Tasche. „Damit hat niemand gerechnet“, erzählt die 42-jährige Pferdewirtschaftsmeisterin aus Grafing bei Rosenheim in Bayern. Bei seinem Vorbesitzer lebte der damals frisch gekörte Hengst rund ein Jahr in einer Autogarage im Wohngebiet. Irgendwann bekamen das die Anwohner spitz und alarmierten das Veterinäramt. Dorados heutiger Besitzer kaufte ihn frei. „Dorado lief total steif“, erinnert sich Mirjam Wittmann. „Und er war psychisch einfach fertig.“

Von den körperlichen Strapazen merkt man dem „Burli“, wie ihn seine Reiterin liebevoll im bayerischen Dialekt nennt, heute nichts mehr an. Aber die Erinnerungen an die Zeit in der Garage haben sich in seinem Kopf eingebrannt: Dorado lässt sich auf der Weide ungern einfangen. „Wenn er ein Halfter sieht, haut er ab“, berichtet Mirjam Wittmann. „Er ist verständlicherweise sehr misstrauisch. Dorado muss jeden Tag aufs Neue merken, dass alles in Ordnung ist.“

Der Mama nahm sie das Dressurpferd weg

Was sein Talent angeht, könnte Dorado das nächste Weltmeisterpferd der Trainerin werden. „Aufgrund seiner Vergangenheit haben wir aber keinen Leistungsanspruch an ihn. Er darf selbst entscheiden, wie weit wir kommen“, sagt Mirjam Wittmann.

Alles kann, nichts muss – diese Einstellung zieht sich durch Mirjam Wittmanns Leben wie ein roter Faden. Mama Petra Sorger und Onkel Jochen Leicht sind beide erfolgreiche Dressurreiter. „Sie haben mich aber nie aufs Pferd gedrängt. Ich wollte es selbst unbedingt“, betont Wittmann. Mit sieben Jahren gab’s das erste Pony.

Irgendwann begann sie „der Mama die Pferde wegzunehmen“. Der bayerische Dunkelfuchs Luzifer war bis Klasse S ausgebildet und wurde ihr wichtigstes Lehrpferd. Mit ihm gewann sie im Alter von gerade mal 14 Jahren ihre erste Schleife in einer Dressurprüfung der schweren Klasse.

Nach der Ausbildung zur Pferdewirtin heuerte Mirjam Wittmann bei einem Andalusiergestüt in der Nähe von Rosenheim an („weil es keinen anderen Job gab“). Die iberischen Pferde eroberten ihr Herz im Sturm.

Von der Dressur zur Working Equitation

Mit Lusitano Junco startete sie auf FN-Turnieren. Plötzlich kam die sonst so erfolgreiche Reiterin jedoch nicht mehr über den 4. Platz in einer M-Dressur hinaus. „Wir haben alles gegeben, aber wir hatten keine Chance gegen die Warmblüter“, erinnert sich Mirjam Wittmann. Viele Reiter fragten sie, was sie mit einem Pferd wie Junco überhaupt will. Irgendwann war sie das Gerede der Leute und auch die Entwicklungen im modernen Dressursport leid. Mirjam Wittmann hing ihre Dressurkarriere an den Haken.

Auf der Pferd International 2013 in München sah Mirjam Wittmann dann zum ersten Mal eine Working-Equitation-Prüfung. „Da traten die unterschiedlichsten Pferderassen gegeneinander an. Das fand ich richtig klasse“, erinnert sie sich. „Und die Pferde mussten von vielem etwas und das möglichst gut können.“

Noch auf dem Turnier buchte sie einen Kurs bei Working-Equitation-Reiterin Angelika Graf. „Anfangs habe ich mich wie der erste Mensch angestellt“, sagt Wittmann. Brücke, Tor und Slalom um Pylonen – solche Hindernisse kannte sie noch nicht. Außerdem stellte der Kurs enorme Anforderungen an Rittigkeit, Teamgeist und Geschicklichkeit.

Junco war noch mit 21 Jahren erfolgreich

Aus Interesse wurde Ehrgeiz. Bereits im darauffolgenden Jahr startete Mirjam Wittmann mit Junco, der damals bereits 21 Jahre alt war, auf ihrem ersten Working-Equitation-Turnier – und belegte den zweiten Platz.

Höhepunkt ihrer bisherigen Worker-Karriere war die Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr. „Die Portugiesen waren bis dato ungeschlagen“, berichtet Wittmann. Aber dann kamen die Deutschen: erster Platz in der Rinderarbeit und erster in der Gesamt-Mannschaftswertung. „Das war einfach der Hammer“, schwärmt die Reiterin. „Wie im Märchen!“

Diesen Traum möchte sie nun auch anderen ermöglichen. Zusammen mit Katharina Auerbach ist Mirjam Wittmann als Reitlehrerin vor allem in Bayern unterwegs; als offizielle Bundestrainerin der deutschen Worker-Jugend unterstützt sie seit Ende Januar 2019 den Nachwuchs. Da wird sie sicherlich auch das ein oder andere Mal Kuh spielen dürfen.

Die Meisterin live erleben

Das können Sie am Samstag, 29. Juni 2019, bei der CAVALLO ACADEMY in Mönchengladbach. Freuen Sie sich auf ein Working-Equitation-Battle mit Weltmeisterin Mirjam Wittmann und anderen bekannten Trainern aus CAVALLO. Alle Infos zum Event finden Sie unter: www.cavallo-academy.de