Gefährlich für Pferde: Breitet sich das West-Nil-Virus aus?

Fliegenplage bei Pferden
Foto: Rädlein

Ein toter Bartkauz bei Halle (Saale) trug den Erreger des West-Nil-Fiebers, südeuropäische Länder melden vermehrt Todesfälle bei älteren Menschen. Könnte das West-Nil-Virus auch für unsere Pferde gefährlich werden?

Mitte August starb der Bartkauz, der den Erreger des gefährlichen West-Nil-Virus (WNV) trug. Stechmücken übertragen diese Krankheit auf Vögel, aber auch auf Pferde und Menschen. In Südeuropa sterben vermehrt ältere Menschen, in Deutschland tritt die Erkrankung sehr selten auf. Die Gründe dafür sind bisher unklar, Forscher vermuten, dass auch das lang anhaltende Sommerwetter Einfluss haben könnte.

Bei Pferden ist das West-Nil-Fieber ist eine meldepflichtige Tierseuche. Jedes infizierte Pferd muss der nach Landesrecht zuständigen Behörde gemeldet werden.

Was ist das West-Nil Virus?

Das West-Nil-Fieber wird durch das West-Nil-Virus (WNV) ausgelöst. WNV gehört zur Familie der Flaviviren (Flaviviridae). Das Virus wurde erstmals im Jahr 1937 im West-Nil-Distrikt in Uganda bei einem Menschen entdeckt (daher der Name). WNV ist inzwischen weltweit verbreitet. „Es ist das am weitesten verbreitete Flavivirus“, sagt Professor Norbert Nowotny, Virologe an der Veterinärmedizinischen Universität in Wien. 1999 wurde das WNV nach Nordamerika (New York) eingeschleppt. Noch im selben Jahr erkrankten etwa 60 Menschen und 25 Pferde an der Infektion. Sieben Menschen und neun Tiere starben.

In den Folgejahren breitete sich das Virus rasant in den gesamten USA aus. Bereits im Jahr 2002 erreichte die Epidemie in den Vereinigten Staaten ihren Höhepunkt mit etwa 15 000 betroffenen Tieren. „Inzwischen führte das Virus auch in Kanada, Latein- und Südamerika zu Krankheitsausbrüchen“, weiß Professor Norbert Nowotny.

In Europa wurden bis 2008 nur sporadische Fälle von WNV-Infektionen nachgewiesen, die geographisch und zeitlich begrenzt blieben. Dies änderte sich jedoch im Sommer 2008, als ein größerer WNV-Ausbruch in Norditalien registriert wurde und WNV-Krankheitsfälle im gesamten Staatsgebiet von Ungarn und im Osten Österreichs auftraten. „Die norditalienischen Fälle wurden durch ein klassisches WNV der genetischen Linie 1 verursacht. Der Erreger der ungarischen und österreichischen WNV-Fälle war dagegen ein erst 2004 nach Europa eingeschlepptes WNV der genetischen Linie 2“, sagt Professor Nowotny. Beide Virusstämme überwinterten erfolgreich in Europa. „Seither verursachen sie jeden Sommer in unterschiedlich starkem Ausmaß WNV-Infektionen“, so der Virologe weiter. In Deutschland ist bisher noch kein Fall von West-Nil-Fieber bekannt geworden, doch dies scheint Experten zufolge nur eine Frage der Zeit zu sein.
Gerade das WNV der Linie 2 zeigt eine sehr starke Ausbreitungstendenz. Es ist unter anderem für den massiven WNV-Ausbruch bei Menschen in Nordgriechenland verantwortlich; 38 Personen starben. Greifvögel, vor allem Habichte, sind besonders für diesen Virusstamm der Linie 2 empfänglich; es können aber gleichermaßen auch Pferde und Menschen daran erkranken.

Wie die Krankheit übertragen wird

Der Infektionszyklus läuft über folgende Schritte ab: Das Virus überwintert in weiblichen Stechmücken an frostfreien Orten (Keller, Kanalisation). Im Frühjahr verlassen die Mücken ihr Winterquartier und infizieren beim Blutsaugen Vögel. Weitere Stechmücken nehmen das Virus von infizierten Vögeln auf und übertragen es weiter. Durch diesen Infektionszyklus entstehen immer mehr Viren, die in unseren Breiten ab etwa Mitte Juli zu Krankheitsausbrüchen führen können.
Eine Vielzahl von Mückenarten, vor allem Stechmücken der Gattung Culex, übertragen WNV. Unter den Vogelarten scheinen vor allem Sperlingsvögel wie Spatzen und Rabenvögel wie Krähen für die Vermehrung des Virus eine Rolle zu spielen. Weitergegeben werden die in der Mücke vervielfältigten Viren bei der nächsten Blutmahlzeit. Säugetiere wie Menschen oder Pferde, die durch den Stich einer infizierten Mücke ihrerseits infiziert werden können, gelten nur als Zufallswirte. Die Viruskonzentration in ihrem Blut (Virämie) ist nämlich zu gering und dauert nicht lange genug an, um das Virus effektiv zu verbreiten. Dass sich eine Mücke durch den Stich bei einem Säugetier infiziert und die Erreger dann erneut an ein Säugetier weitergibt, gilt daher als unwahrscheinlich. „Die infizierten Säugetiere können aber sehr wohl an der Infektion erkranken“, erklärt Professor Norbert Nowotny.

Symptome bei Pferden

  • manchmal Fieber über 39 Grad Celsius (normal bis 38,2 Grad)
  • unkontrollierte Bewegungen (Ataxie): Vor allem die Hinterhand ist geschwächt oder gar gelähmt
  • manchmal Vorhand betroffen: Pferde fallen plötzlich auf die Vorderfußwurzelgelenke
  • Muskelzittern, Krämpfe
  • Lähmungen von Gesichtsnerven
  • Schluckstörungen
  • Sehstörungen
  • Pferd läuft ziellos umher, etwa Kreise in der Box (Manegebewegungen) oder drückt den Kopf gegen die Boxenwand
  • Überempfindlichkeit gegen Berührungen oder Geräusche oder Lethargie

Der Krankheitsverlauf

Bis sich nach der Übertragung der Viren aufs Pferd die Krankheitssymptome zeigen (Inkubationszeit), dauert es 3 bis 15 Tage. Fieber und neurologische Störungen können dann akut einsetzen. „Etwa 80 Prozent der Infektionen verlaufen jedoch asymptomatisch, nur etwa 20 Prozent der infizierten Tiere entwickeln Symptome“, schränkt Professor Norbert Nowotny ein. „Im Gegensatz zum Menschen, wo nur etwa einer von 100-150 Infizierten neurologische Symptome entwickelt, erkranken bis zu 25% infizierter Pferde an dieser schweren Verlaufsform, die auch zum Tod der Tiere führen kann“.

In welchem Zeitraum die Symptome ihren Höhepunkt erreichen, lässt sich nicht pauschal sagen. Das kommt auf das jeweilige Pferd und den Zustand seines Immunsystems an. Wie schnell die Symptome wieder abklingen, variiert ebenfalls individuell: Da man nur die Symptome behandeln kann, hängt auch die Genesung davon ab, wie schnell und gut eine Therapie anschlägt.
Je schwächer die Symptome ausgeprägt sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das erkrankte Pferd überlebt. Die Erfahrungen aus den USA zeigen, dass diejenigen Patienten, die nicht mehr alleine stehen, fressen und trinken können, an der Krankheit verenden beziehungsweise eingeschläfert werden müssen.

Folgen, Risikopatienten, Vorbeugen und Impfstoffe

Folgen: Pferde, die überleben, können unter Umständen vollständig genesen. Bei vielen bleiben allerdings Nervenschäden zurück, was unter anderem zu dauerhaften Koordinationsstörungen (Ataxie) führen kann. Wenn Nervenbahnen zerstört sind, ist es unwahrscheinlich, dass sich diese wieder vollständig regenerieren.
Risikopatienten: Pferde, die bereits ein schwaches Immunsystem haben, sind besonders gefährdet. Hierzu gehören sehr junge Fohlen und ältere Tiere.
Vorbeugen: Eine Maßnahme zur Vorbeugung ist die Bekämpfung von Stechmücken. Wasserbehälter zum Tränken von Pferden sollten mindestens alle vier Tage geleert und frisch befüllt werden. Alle Stechmücken fernzuhalten, ist allerdings unmöglich.
Die Firma Fort Dodge erhielt im November 2008 von der Europäischen Arzneimittelagentur die Zulassung für den Impfstoff Duvaxyn WNV, heute Equip WNV. In Amerika wird dieser Impfstoff bereits seit 2002 bei Pferden eingesetzt. Der inaktivierte Vollvirusimpfstoff ist für gesunde Pferde ab einem Lebensalter von sechs Monaten gedacht.
Der Impfstoff lässt sich laut Unternehmensangaben auch bei trächtigen oder laktierenden Stuten anwenden. Die Immunität beginnt drei Wochen nach der Grundimmunisierung. Wiederholungsimpfungen sind jährlich nötig. Inzwischen sind zwei weitere Impfstoffe (Proteq West Nile, Merial; Equilis West Nile, Intervet) zugelassen.

Therapie

Eine gezielte Therapie, um das West-Nil-Fieber zu bekämpfen, gibt es nicht. Jede Behandlung kann daher allein zum Ziel haben, die Krankheitssymptome zu lindern. Es werden überwiegend fiebersenkende Medikamente und Schmerzmittel eingesetzt. Infusionen sollen den Kreislauf stabilisieren. Bei manchen Patienten ist eine künstliche Ernährung erforderlich.
Weil die Pferde bei unkontrollierten Bewegungen leicht stürzen, sollten sie geschützt werden: Spezielle Masken sollen Verletzungen am Kopf verhindern; Hängegeschirre können dem Patienten einen besseren Stand geben. Die Behandlungsdauer variiert je nach Zustand des Pferds. Im Einzelfall kann strittig sein, ob ein am West-Nil-Virus erkranktes Pferd noch zu retten ist oder besser eingeschläfert werden sollte.